Digital,  Randbemerkungen

Sammelnotizen mit Wassernotstand und diversen Netzwerken

Zuerst die schlechte Nach­richt. Update plane­tare Grenzen: Grenze für Süss­wasser über­schritten vermel­dete vorgestern das Potsdam-Institut für Klima­folgen­forschung. Mit der zu erwar­tenden Folge, dass der Amazonas-Regen­wald sich einem Kipp­punkt hin zur Verstep­pung nähert und auch in anderen Teilen der Welt sich die Boden­feuchte dras­tisch ändert. Habt ihr davon in irgend­welchen nennens­werten Nach­richten­sendungen gehört? Ein Bild des Jammers mal wieder, unsere Medien.

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Für mich selbst könnte mir Twitter ja ziemlich egal sein – hab halt einen Account dort, der aber nur spora­disch bespielt wird, und finde das perma­nent hohe Erregungs-Niveau dort jedes Mal aufs Neue anstren­gend. Aber dass es ein nütz­liches Tool zur Vernet­zung und schnellen Mobili­sierung sein kann, würde ich ihm nicht absprechen, und vor diesem Hinter­grund beob­achte ich inter­essiert auch die derzei­tige Wander­bewegung zum als Twitter-Alter­native gehan­delten dezen­tralen Mastodon, weil ich in nächster Zeit wieder stärker inner­halb von Strukturen aktiv werden möchte statt immer bloß allein. Hab dazu heute ein paar unsor­tierte Gedanken notiert:

Neulich las ich irgendwo sinn­gemäß, die Klima­krise sei so drin­gend und in so kurzer Zeit anzu­gehen, dass die Klima-Bubble es sich nicht erlauben könne, die über Jahre aufge­bauten Twitter-Struk­turen aufzu­geben und andern­orts neu anzufangen.

Ja. Nein:

Wäre ich für die Social-Media-Aktivi­täten einer Organi­sation zuständig, würde ich sicher nicht Hals über Kopf meine Präsenz bei Twitter aufgeben – nicht mal dann, wenn nicht Elon Musk, sondern Donald Trump den Laden über­nähme. Die Möglich­keiten dieser algo­rithmus-getrie­benen Platt­form, sehr kurz­fristig beein­druckende Aktivierungs­quoten für die unter­schied­lichsten Anliegen zu erreichen, sind halt schon enorm und auf einer völlig anders struktu­rierten Platt­form nicht ohne weiteres reprodu­zierbar. Und sicher­lich ist der Aufwand, ein funk­tionales Netz­werk auf Mastodon herzu­stellen, noch mal eine Ecke größer als bei Twitter, weil im dezen­tralen Fedi­versum alles ein bisschen erklä­rungs- und arbeits­intensiver ist.

Dennoch muss man sich bei Twitter im Klaren sein, dass man als Akti­visty ja nur geduldet ist, so lange man als Feigen­blatt nützlich genug ist, um die Nach­teile abwei­chender Meinung zu kompen­sieren. Mal ange­nommen, die Klima­bewegung nimmt plötz­lich Fahrt auf, so dass Konzepte wie Degrowth in die Nähe von Mehr­heits­fähigkeit kommen und System­wechsel nicht mehr nur eine ferne Fantasie ist. Wenn wir dann den Besit­zern kommer­zieller Netz­werke auch nur ansatz­weise gefähr­lich werden, dann sind wir bei Twitter doch schneller raus, als wir „Ja, aber“ sagen können.

Und spätes­tens an dem Punkt ist es halt gut, noch eine Fallback-Option zu haben. Wir müssen nicht von jetzt auf gleich alle nur noch auf Mastodon-Instanzen netz­werken, aber ich denke schon, dass man indivi­duell wie als Orga ein bisschen Zeit darein inves­tieren sollte, sich bei Bedarf von den kommer­ziellen Platt­formen abzu­koppeln und dann nicht auf schnell gehäkelte Mailing­listen angewiesen zu sein.

Das begründet zumin­dest meine Motiva­tion, mich im Rahmen meiner zeit­lichen Möglich­keiten möglichst bald auf Mastodon zurecht­zufinden und dafür meine Aufmerk­samkeit bei Twitter ein biss­chen zurückzufahren.

(Im Fediversum bin ich übrigens unter climatejustice.social/@chw Korrektur Dez. 2022: norden.social/@chw zu finden. Aber bei mir passiert da noch eher wenig bisher.)

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Ein Kreisausschnitt, gebildet durch den oberen Teil eines Fahrrad-Vorderrads. Erkennbar alt, mit Staub, Rost und Spinnweben zwischen den Speichen. Links in der Schräge krallt sich eine männliche Amsel auf dem Reifen fest und schaut mit grimmig wirkendem Blick in Richtung der Betrachterin. Am rechten Bildrand ist der Reifen durch die Buchstaben SCHWA als Fabrikat Schwalbe zu erkennen.
Auf dem Fahrrad­bild zum Wochen­ende ist jemand sauer, dass Reifen immer nur nach der Konkurrenz benannt werden.

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Zum Abschluss noch mal das Potsdam-Institut, mit einem wirklich hübschen 15-Minuten-Film, Complexity:

(Nur nebenbei: Wenn mich nicht alles täuscht, ist die Dame in Grün bei Minute 5:14 die wunder­bare Buch­künstlerin Tina Flau. Würde jeden­falls passen mit Potsdam.)

4 Comments

  • Frau Momo

    Ich benutze Twitter ganz selten. Selber schreibe ich da gar nix. Es gibt ja den Versuch einer Alternative:
    https://troet.cafe/about
    Aber so ein Riese ist schwer zu knacken. Ich versuche immerhin, What’s App nicht mehr zu benutzen, nur dienstlich muss ich das leider noch.

    Die Amsel hat ja Recht… warum gibt es noch keine Amsel oder Meisenreifen?

    • Christian Wöhrl

      Ja genau, troet.cafe ist auch eine Mastodon-Instanz wie climatejustice.social, die ich neuerdings benutze. Nutzt du das selbst? Weiß also nicht, ob du diese Erklärung brauchst, aber für alle anderen, die hier Bahnhof verstehen:

      Diese Mastodon-Instanzen sind, wenn man so will, viele kleine selbst gehostete Minitwitters, die aber untereinander kompatibel sind. Diese Server können ein paar Dutzend oder auch ein paar tausend Mitglieder haben, und man kann grundsätzlich server-übergreifend einander folgen und ziemlich nahtlos kommunizieren. (Außer Mastodon-Servern gibt es in diesem Ökosystem, dem Fediversum, auch Open-Source-Alternativen zu flickr, youtube usw., und alles ist miteinander kompatibel.)

      Jeder Server / jede Instanz hat mehr oder weniger fein ausformulierte Nutzungsbedingungen, an die man sich halten soll, und wenn z.B. ein Server berüchtigt dafür ist, dass er hate speech und dergleichen toleriert, dann wird er halt von anderen Servern geblockt werden; man muss also individuell viel weniger blocken als bei Twitter, um sich Hetze und Hass vom Leib zu halten. Dadurch (und durch ein paar schöne UI-Entscheidungen – man kann z.B. anderer Leute Beiträge zwar liken, aber sieht nicht auf den ersten Blick, wie viele Likes die haben) ist nach meinen ersten Erfahrungen das Klima im Fediversum deutlich besser als auf Twitter. Aber es ist zuerst etwas mehr Aufwand, reinzukommen und sich zurechtzufinden.

  • Klaus

    Spinnweben am Rad? Das kann ja keins von Dir sein. Vom Rost ganz abgesehen. 🙂

    Ich hab wieder mal meinen Twitter-Account deaktiviert, mal sehen wie lang.

    Bei Mastodon habe ich schon mehrere Anläufe genommen; hat nie so lange vorgehalten. Schaun’wer mal. Vielleicht klappt es jetzt; immerhin sind 5 oder 6 mir bekannte Leute von Twitter rübergekommen. Bleibt abzuwarten, wie sich das entwickelt. Die vielen z. T. unübersichtlichen Optionen machen die Nutzung am Anfang nicht einfach.

    Der freundliche Umgang dort gefällt mir. Im Gegensatz zu den Twitter-Trends, bei denen ich nach 30 Sekunden Lektüre meist alles anzünden wollte.

    • Christian Wöhrl

      Das Rad ist Teil unserer Gartendeko. Es lehnt am alten Kirschbaum und hindert den am Umfallen … Das tauchte hier schon öfter auf, einmal auch mit einem anderen Fahrer: https://silberpixel.net/2021/07/02/das-fahrradbild-zum-wochenende/

      Ich finde die Atmosphäre im Fediverse bisher auch ausgesprochen angenehm. Die übelsten Auswüchse von Social Media scheinen quasi von selbst draußen zu bleiben. Bei Twitter gucke ich vorläufig trotzdem noch rein, ein paar Klima- und Fahrradlisten habe ich so komprimiert woanders noch nicht gefunden. Aber es ist tatsächlich so, dass die gleiche Zeit, da und dort verbracht, bei Twitter unvermeidlich für den höheren Puls sorgt.

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