Radwege im Vorbeifahren
Nachbetrachtungen zum Radwandern, Teil 1 — Das Folgende habe ich, ergänzt um ein paar Elemente des vorigen Beitrags, die ich hier nicht wiederholen muss, heute auch auf dem Mastodon-Account der Parents for Future Hamburg veröffentlicht, aber ich vermute, die Schnittmenge Lesender hier & dort ist eher klein.
Wenn man sich für Mobilität und Verkehrswende interessiert, bleibt es nicht aus, dass man beim Radwandern außer der durchradelten Landschaft auch die Qualität der Infrastruktur zur Kenntnis nimmt. Es folgen ein paar sehr subjektive Momentaufnahmen von Radwegen im weitesten Sinne vom diesjährigen Sommerurlaub.

Als „Aufmacherbild“ symbolisch ein Foto aus dem Würmtal nördlich Weil der Stadt, das zeigt, wie man mit wenig Aufwand nützliche Wegweisung herstellt; man muss gar nicht viele Schilder aufstellen, wenn man eine Radroute über Landwirtschaftswege ausweisen will – ein gemaltes Piktogramm mit eindeutigen Pfeilen reicht oft aus, und nur an größeren Kreuzungen ist dann die grün-auf-weiße Beschilderung sinnvoll.

Dieses Setting (Niederlauer/Unterfranken) wirkte auf mich sehr deutsch – wo sonst auf der Welt würde man eine ohnehin viel zu enge Kurve des Radwegs zur unmittelbaren Querung einer Straße noch durch große Schilder und üppige Bepflanzung für den annähernden Kfz-Verkehr uneinsehbar machen?


Nach dem oft eher unerfreulichen Donauradweg waren mit u.a. Kamp, Erlauf und Ybbs mehrere österreichische Zuflüsse zur Donau auf dem Programm, und da waren die Radwege durchweg sehr gut ausgebaut, sinnreich über ruhige Nebenstraßen und Landwirtschaftswege geführt und teils waren sogar die Rastplätze beschildert. Die meiste Zeit konnte da das Navi ausgeschaltet bleiben, man fährt einfach nach Wegweisung, „basst scho“. – Gelegentliche Hinweise auf die zu erwartenden Steigungen kannte ich bisher nur aus der Schweiz, aber gut, ich war nun auch ein paar Jahre nicht in den Bergen gewesen.
Zur Wahrheit gehört in Österreich auch: Es gab da Abschnitte auf Fernradrouten (leider nicht im Bild), da stand alle paar hundert Meter ein Stopschild, weil eine Nebenstraße, erkennbar nur Wirtschaftsweg zum nächsten Acker, vorfahrtsberechtigt war. Würde man da immer anhalten – man wäre übern Tag locker eine Stunde länger unterwegs.

Aber Flussradwege können sie, keine Frage. Der Gail z.B. bin ich gegen den Strom vom Zusammenfluss mit der Drau in Villach bis ins Quellgebiet am Kartitscher Sattel gefolgt, und es war durchweg prima – außer im oberen Bereich, wo das Tal zu eng wird für einen separaten Weg, hat man quasi nirgends Berührung mit dem motorisierten Verkehr, ist meist asphaltiert auf ohnehin vorhandenen Wegen unterwegs und ohne je das Gefühl, unnötige Umwege zu fahren.



Von mindestens gleicher Güte sind die Radrouten in Norditalien (nach meiner Erfahrung schon seit 25 Jahren). Ob durchs Pustertal oder zwischen Brenner und Bozen: nahezu perfekte, eindeutig signalisierte Routenführung, abgesenkte Bordsteine, bestmögliche bauliche Trennung, … Gerade in den engeren Tälern kommt man dem MIV oder auch dem ÖPV zwar mal nah, aber es wird praktisch nie gefährlich. Hier könnte sich Deutschlands Verkehrsplanung gern so einiges abschauen! (Die Bilder zeigen das westliche Pustertal, das Eisacktal bei Brixen und den Brenner oberhalb von Gossensaß.)

Dass es nicht immer dezidierte Fahrrad-Infrastruktur braucht, beweist die schwäbische Alb. Hier war ich ganztägig auf kleinen Landstraßen (manchmal auch auf Schotter-Waldwegen) unterwegs, auch oft ohne jede Auto-Begegnung, was mit Unterstützung des Offline-Routenplaners (Organic Maps) gut geklappt hat. In diesem Bereich noch ein Knotenpunkt-System wie im Ruhrgebiet, und das Navi könnte auch ausgeschaltet bleiben …
Und später in Tübingen ist mir erstmals das Zusatzschild zu Rad- und Fußwegen „S-Pedelec frei“ begegnet, das die wesentlichen Radrouten speziell für Pendler*innen sehr attraktiv macht. (Dafür müssen natürlich die Radwege breit genug sein, aber das scheint man in Tübingen im Blick zu haben.)


Abschließend noch einmal ins Würmtal rund um Weil der Stadt, wo es über weite Strecken ziemlich gute Radrouten-Beschilderung gibt – auch hier ließ sich stundenlang nach existierender Wegweisung und ohne Blick aufs Display fahren. Als tägliche Pendler*in in dieser Region würde man sich vermutlich mehr über Beleuchtung in den Wald-Abschnitten als über die Kunst am Weg freuen, aber für deutsche Verhältnisse wäre das schon Jammern auf hohem Niveau 🙂
4 Comments
Aebby
Ich halte mal fest, dass die Radwege noch lange nicht optimal sind. Ich genieße aber auch, dass sich in den letzten Jahren viel verbessert hat.
Die italienischen Wege auf den prominenten Strecken sind in der Tat hervorragend.
Christian Wöhrl
„noch lange nicht optimal, aber in den letzten Jahren viel verbessert“ – das fasst auch meine Wahrnehmung gut zusammen!
Brigitte
Danke Christian für den Hinweis zu Organic Maps. Benuzte momentan ein altes Handy auf dem keine Radfahr-App läuft, diese hier sieht schon mal gut aus. Unterwegs, in mir nicht so bekannten Orten, ist es beruhigender eine Rad-App dabei zu haben 🙂
Auch immer wieder meine Erfahrung: Wege von traumhaft bis zu fast schadensersatzpflichtig. Gestern einen neuen Weg gefahren, dachte „super den muss ich mir merken“ 3 Km weiter „oh nein, eine Schlaglochpiste der feinsten Güte mit allen Zutaten wie Matsch usw“
Viele Grüße Brigitte
Christian Wöhrl
Ich bin allerdings nach den ersten Experimenten auch recht angetan von Organic Maps. Ist zwar immer noch selten, dass ich unterwegs Routenberechnung brauche, aber manchmal (so wie dieses Jahr schon mehrfach – strömender Regen, was wäre jetzt die kürzeste Route?) ist es doch sehr nützlich, dass das sogar ohne Internet-Verbindung funktioniert; nicht so fein steuerbar wie bei Komoot oder Bikerouter bzgl. Straßenbelag und Verkehrsdichte, aber dafür auch im Nirgendwo zuverlässig.
Jedenfalls habe ich inzwischen auch alle Links zu meinem Komoot-Profil aus diesem Blog gelöscht, und wo es mir sinnvoll schien, weiterhin ein GPX-File vorzuhalten, habe ich das ersatzweise in der eigenen Nextcloud gespeichert.