Randbemerkungen

GenAI im Aktivismus?

Diese Gedanken habe ich natürlich auch schon andern­orts zur Diskus­sion gestellt, aber hier gehört der Text auch hin …


Von der Klima­gerechtig­keits­bewegung wünsche ich mir eine Selbst­verpflichtung, grund­sätzlich und aus­nahmslos auf die Nutzung von Werk­zeugen Genera­tiver AI zu verzichten. Ja, das ist eine sehr dogma­tische Posi­tion – für die es aller­dings meines Erachtens gute Gründe gibt.

Vorbemerkung: Wenn im Folgenden von Gene­rative AI oder kurz GenAI die Rede ist, meine ich damit solche Werk­zeuge, die auf geeig­nete Prompt-Eingabe hin selbst­ständig neue Inhalte (Bild/Text/Video) erzeugen. Davon zu unter­scheiden und hier nicht gemeint sind solche Werk­zeuge aus dem Bereich Machine Lear­ning, die meine eigenen Inhalte bear­beiten – etwa das auto­mati­sierte Maskieren von Bild­bereichen in einem Foto oder das Trans­kribieren bzw. Über­setzen eines Audio-Inter­views – und die aus Marke­ting-Gründen oft eben­falls als AI (oder in der unglück­lichen deut­schen Über­setzung als KI) gelabelt werden.

Generative AI kann uns das Akti­visty-Leben spürbar erleich­tern. Gerade wo wir ehren­amtlich tätig und mit stets knappen Zeit­ressourcen ausge­stattet sind, erscheint es wie ein sehr pragma­tischer Ansatz, beispiels­weise ein Bild für eine Kampagne rasch per Prompt zu gene­rieren, statt erst Archive zu wälzen und sich mit Nutzungs­rechte-Fragen auseinander­setzen zu müssen. Dennoch sollten wir als Menschen, denen Klima­gerechtig­keit ein Herzens­anliegen ist, auf diese Lösung verzichten:

Der erste und wahr­schein­lich offen­sicht­lichste Grund dafür ist der immense Energie- und Wasser­verbrauch von Large Language Models und Bild-/Video­generatoren. (Der so weit geht, dass für manche Rechen­zentren sogar still­gelegte Atom­meiler wieder ans Netz gehen sollen.) Dieser allein recht­fertigt meines Erach­tens aber noch nicht die strikte Ableh­nung von GenAI, ähnlich wie es auch schwer vermit­telbar wäre, dass (nur) Akti­vistys darauf verzichten sollten, zu inter­natio­nalen Konfe­renzen per Flugzeug anzu­reisen. Hier heiligt manchmal der Zweck noch das häss­lichste Mittel, und wenn eine Klima-Kampagne mit Mate­rial aus GenAI-Produk­tion viral geht, mag der Aufwand gerecht­fertigt erscheinen.

Schon proble­matischer kommt mir die mora­lische Perspek­tive auf die Funktions­weisen von GenAI vor. Ich sprach oben von der Ausein­ander­setzung mit Nutzungs­rechte-Fragen; aber beim Verwenden von Bild- und Text­erzeugern gibt es ja nicht minder das Problem unge­klärter Nutzungs­rechte, es ist nur eine Ebene höher gela­gert und betrifft die Endnut­zenden damit nicht unmit­telbar. Denn diese Werk­zeuge arbeiten ja nur deshalb so beein­druckend und oft über­zeugend, weil sie auf Basis millionen­fachen Daten­dieb­stahls trai­niert worden sind, der weitest­gehend unge­ahndet bleibt; und ich halte es für falsch, ein im Kern krimi­nelles, ohne krimi­nelle Prak­tiken faktisch undenk­bares Geschäfts­modell zu fördern.

Aber mein wichtigster Grund, GenAI abzu­lehnen, ist ihre Wirkung auf die Rezipi­ent*innen:

Wenn wir beispiels­weise ein foto­realis­tisches Bild gene­rieren, sugge­rieren wir Fakten, wo keine sind. Wir betei­ligen uns damit an der Aufwei­chung der Grenzen zwischen Fakt und Fiktion und leisten einen zwar kleinen Beitrag dazu, dass immer weniger Menschen über­haupt noch in der Lage sind, Fake News als solche zu identi­fizieren. Und wir alle wissen, welche welt­weite poli­tische Strömung drin­gend darauf ange­wiesen ist, dass Menschen Wahr und Falsch nicht mehr ausein­ander­halten können … Nicht von unge­fähr sind viele bedeu­tende Akteure der AI-Szene voll auf Trump-Linie. Ihre Produkte für Klima­gerechtig­keits-Zwecke zu nutzen hat etwas davon, den Flächen­brand des sich ausbrei­tenden Faschismus mit Benzin löschen zu wollen.

Von einer Bewe­gung mit dem Anspruch an sich selbst, zu den „Guten“ zu gehören, sollte man Wahr­haftig­keit erwarten dürfen. Indem wir GenAI verwenden, ist das Ergebnis nicht zwin­gend etwas Unwahres, aber wir geben damit zu verstehen, dass wir die Unter­scheidung zwischen Wahr und Falsch vernach­lässigbar finden, was viel­leicht noch ein biss­chen schlimmer ist. Wenn wir uns argu­mentativ auf „Alle anderen benutzen das auch, dann sind wir im Nach­teil, wenn wir es nicht tun“ einlassen, ist das eine Kapitu­lations­erklärung – indem wir ohne Not unsere Vertrauens­würdig­keit auf dem Altar des Prag­matismus opfern, machen wir die Welt für alle ein wenig schlechter.

3 Comments

    • Christian Wöhrl

      Darfst du gern, na klar!
      (Wobei ich sehr hoffe, dass sich auch noch jemand meldet, der nicht 100% einverstanden ist und sich gründlich vor allem mit dem Fakt/Fiktion-Argument befasst. Bisher bekam ich leider nur oberflächliche Einwände, die auf bloßes Querlesen hindeuten; mir scheint, der Text ist für heutige Verhältnisse schon zu lang …)

  • Gerhard

    Ein nir bekannter Blogger hat sich gerade beschwert, dass ihm jemand offensichtlich mit ki- generiertem Kommentar antwortet.
    Man merkt das sofort.
    Wenn mir aber dieser Blogger an anderer Stelle schreibt: „Was, du bloggst nicht mehr?! Da bin ich völlig baff!“, dann weiss ich nicht, ob er sich nur einen Scherz macht.

    Es sollte um Wahrhaftigkeit gehen, genau um das. Und wenn ich mal launig auf ein ernstes Thema antworte, schiebe ich meine momentane Stimmung nach, zur Einordnung und Verständnis.
    Wenn aber einem das alles wurscht ist, wieso dann noch bloggen?!
    Einfach, um seine Stimme zu hören?!

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