Vermischte Lektüre-Notizen

Die englische Originalausgabe dieses Werks hat dieses Jahr 50. Geburtstag. Für ein so altes Buch mit „Computer“ im Titel wirkt es im ersten Eindruck (ich bin noch in der vorderen Hälfte) erstaunlich frisch und modern – aber die grundlegenden Fragen sind ja auch zeitlos: Welche (geistigen) Aufgaben wollen und können wir Menschen an Maschinen delegieren, und welche sollten wir ihnen auf keinen Fall anvertrauen?
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Ich lese es gerade im Anschluss an Eva Weber-Guskar, Gefühle der Zukunft – Wie wir mit emotionaler KI unser Leben verändern. Das ist erst zwei Jahre alt, aber im Prinzip werden immer noch dieselben Fragen verhandelt. Dass das überhaupt noch nötig ist, will mir so gar nicht begreiflich werden: Woher kommt unsere verbreitete Bereitschaft, ja Begeisterungsfähigkeit dafür, alles technisch Mögliche erst mal zu machen und nachher zu gucken, was dabei passiert ist?
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Parallel zu Weizenbaum und quasi zur Unterhaltung schmökere ich mich gerade durch R. F. Kuang, Babel. Das spielt in England und China zur Zeit der Opiumkriege und ist eine ziemlich clever geplottete Story mit angenehm dezenten Phantastik-Elementen darüber, was Kolonialismus und Rassismus mit Menschen anstellen. Nach rund 500 von 750 Seiten bin ich zwar völlig sicher, dass das nur in einer Katastrophe enden kann; aber auch wenn ich angesichts der Realität in der Fiktion derzeit besser mit biedermeiernder Weltflucht umgehen könnte, ist es doch allzu fesselnd, um es jetzt noch wegzulegen.
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Genauso ging es mir Ende 2025 mit NSA von Andreas Eschbach, wie Babel übrigens eine Empfehlung des Geschichtenfresserchens, das meine Tochter ist. Völlig anderes Setting, ähnliche Struktur – wie wäre die Geschichte des Dritten Reichs verlaufen, wenn es auf dem damaligen technischen Niveau schon Social Media und die zugehörigen Überwachungsmechanismen gegeben hätte? Bin immer noch hin- und hergerissen, ob ich es empfehlen kann. Einerseits ja, sehr spannend und wahnsinnig interessant – andererseits ist das Finale so unfassbar deprimierend 1984-like, dass man es möglichst nur in den Lektürestapel für den Sommerurlaub packen sollte …
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Und ansonsten hab ich in letzter Zeit ein paar vorsichtig vergleichende Blicke in Victor Klemperers Tagebücher geworfen, Herta Müllers Atemschaukel schon mal in Reichweite gelegt, das relativ aktuelle Wie Demokratien sterben von Levitsky/Ziblatt kam zu Weihnachten bei mir an und passend dazu stehen Dorothy Thompsons 1930er Reportagen Das Ende der Demokratie auf dem Ausleih-Wunschzettel – kurzum, ihr merkt schon: Projekt „Lebensfreude durch Literatur“ läuft 🙂
Keine Lektüre, aber auch passend zur Eingangs-Frage, welche Aufgaben wir an Maschinen delegieren dürfen: Schaut euch doch mal ⇢ dieses Filmchen an – vielleicht sogar, bevor ihr hier weiterlest; es dauert nicht mal drei Minuten, und keine Sorge, es ist nichts Ekliges oder Anstößiges zu sehen.
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Darf man das?
Ich gehe stark davon aus, dass diese Frage im Belarusian-Jewish Cultural Heritage Center kontrovers diskutiert worden ist, und dann ist man zum Ergebnis gekommen, ja, darf man. Ich kann sogar bedingt nachvollziehen, wie man zu dieser Antwort kommen kann, und dennoch – nein, ich finde, man darf das nicht: Denn wie soll ein Kind des 21. Jahrhunderts, im selbstverständlichen Bewusstsein solcher Möglichkeiten der Manipulation, denn noch glauben, dass die Videos aus Auschwitz Anfang 1945 echt sind?
One Comment
Christian Wöhrl
Ach guck, das passt doch super zum letzten Abschnitt: https://www.zeit.de/digital/2026-01/kuenstliche-intelligenz-bilder-fakes-kz-gedenkstaetten-warnung