Randbemerkungen

Vermischte Lektüre-Notizen

Meine Hand hält ein altes TaschenBuch mit schwarzem Cover und gelber Schrift: Joseph Weizenbaum, Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft

Die englische Original­ausgabe dieses Werks hat dieses Jahr 50. Geburtstag. Für ein so altes Buch mit „Computer“ im Titel wirkt es im ersten Ein­druck (ich bin noch in der vor­deren Hälfte) erstaun­lich frisch und modern – aber die grund­legenden Fragen sind ja auch zeit­los: Welche (geistigen) Aufgaben wollen und können wir Menschen an Maschi­nen dele­gieren, und welche sollten wir ihnen auf keinen Fall anvertrauen?

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Ich lese es gerade im Anschluss an Eva Weber-Guskar, Gefühle der Zukunft – Wie wir mit emotio­naler KI unser Leben verän­dern. Das ist erst zwei Jahre alt, aber im Prinzip werden immer noch die­selben Fragen verhan­delt. Dass das über­haupt noch nötig ist, will mir so gar nicht begreif­lich werden: Woher kommt unsere verbrei­tete Bereit­schaft, ja Begeis­terungs­fähig­keit dafür, alles tech­nisch Mögliche erst mal zu machen und nachher zu gucken, was dabei passiert ist?

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Parallel zu Weizen­baum und quasi zur Unter­haltung schmö­kere ich mich gerade durch R. F. Kuang, Babel. Das spielt in England und China zur Zeit der Opium­kriege und ist eine ziem­lich clever geplot­tete Story mit ange­nehm dezenten Phan­tastik-Elementen darüber, was Kolonia­lismus und Ras­sismus mit Menschen anstellen. Nach rund 500 von 750 Seiten bin ich zwar völlig sicher, dass das nur in einer Katas­trophe enden kann; aber auch wenn ich ange­sichts der Realität in der Fiktion derzeit besser mit bieder­meiernder Welt­flucht umgehen könnte, ist es doch allzu fesselnd, um es jetzt noch wegzulegen.

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Genauso ging es mir Ende 2025 mit NSA von Andreas Esch­bach, wie Babel übri­gens eine Empfeh­lung des Geschichten­fresserchens, das meine Tochter ist. Völlig anderes Setting, ähnliche Struktur – wie wäre die Geschichte des Dritten Reichs verlaufen, wenn es auf dem dama­ligen tech­nischen Niveau schon Social Media und die zuge­hörigen Über­wachungs­mecha­nismen gegeben hätte? Bin immer noch hin- und herge­rissen, ob ich es empfehlen kann. Einer­seits ja, sehr span­nend und wahn­sinnig inter­essant – anderer­seits ist das Finale so unfassbar depri­mierend 1984-like, dass man es möglichst nur in den Lektüre­stapel für den Sommer­urlaub packen sollte …

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Dunkles Bild mit mehreren Ebenen, das wie eine MehrfachBelichtung aussieht, tatsächlich aber nur von innen schräg auf ein Fenster fotografiert ist und Innen und Außen ineinander blendet. Man sieht einerseits einen SchaukelStuhl und ein Klavier sowie zwei LeseLampen, andererseits ein Haus, einen Baum und mehrere Büsche bei dämmrigem Licht.

Und ansonsten hab ich in letzter Zeit ein paar vorsichtig verglei­chende Blicke in Victor Klem­perers Tage­bücher geworfen, Herta Müllers Atem­schaukel schon mal in Reich­weite gelegt, das relativ aktuelle Wie Demo­kratien sterben von Levitsky/Ziblatt kam zu Weih­nachten bei mir an und passend dazu stehen Dorothy Thompsons 1930er Repor­tagen Das Ende der Demo­kratie auf dem Ausleih-Wunsch­zettel – kurzum, ihr merkt schon: Projekt „Lebens­freude durch Lite­ratur“ läuft 🙂


Keine Lektüre, aber auch passend zur Eingangs-Frage, welche Aufgaben wir an Maschinen dele­gieren dürfen: Schaut euch doch mal ⇢ dieses Film­chen an – viel­leicht sogar, bevor ihr hier weiter­lest; es dauert nicht mal drei Minuten, und keine Sorge, es ist nichts Ekliges oder Anstößiges zu sehen.

Darf man das?

Ich gehe stark davon aus, dass diese Frage im Belarusian-Jewish Cultural Heritage Center kontro­vers disku­tiert worden ist, und dann ist man zum Ergeb­nis gekommen, ja, darf man. Ich kann sogar bedingt nach­voll­ziehen, wie man zu dieser Ant­wort kommen kann, und dennoch – nein, ich finde, man darf das nicht: Denn wie soll ein Kind des 21. Jahr­hunderts, im selbst­verständ­lichen Bewusst­sein solcher Möglich­keiten der Mani­pula­tion, denn noch glauben, dass die Videos aus Auschwitz Anfang 1945 echt sind?

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