Der Schnee auf Kamtschatka
Dienstagmorgen gab es beeindruckende Bilder im Internet von der Halbinsel Kamtschatka, wo Straßenzüge mehrere Stockwerke hoch eingeschneit waren. Ich habe sie zuerst beim Klimablog gesehen, dachte einen Moment lang, Na, war da AI im Spiel?, und danach aber, Hm, die werden ihre Quellen schon geprüft haben. Übern Tag wurde dann allerdings deutlicher, dass einige Fotos und Videos der Schneekatastrophe komplett und einige zumindest zum Teil generiert waren, einige andere (und das grundlegende Faktum des dortigen Extremwetters) aber auch echt.
Und heute gab es beim Klimablog eine ⇢ sehr gelungene Richtigstellung nebst Entschuldigung. Herzliche Leseempfehlung – der Text geht über den konkreten Anlass weit hinaus und beschäftigt sich intensiv mit dem beunruhigenden Umstand, dass sich kaum mehr zweifelsfrei klären lässt, welche Komponenten AI-produziert sind und welche nicht, und was daraus folgen sollte.
Mir drängte sich bei diesem Thema sofort der Gedanke an Hannah Arendt auf, bei der ja die Fragen nach Wahrheit und Lüge große Themen waren. Hier zum Beispiel:
Nun, der eigentliche Erfolg dieser Methoden ist nicht, daß Menschen dies oder jenes glauben. Menschen werden dadurch zynisch und glauben gar nichts mehr. […] Aber etwas viel Schlimmeres passiert, als dieses sich Ausbreiten eines spezifischen Zynismus, nämlich: daß es zwischen Wahrheit und Lüge keine Trennung mehr gibt, daß man nicht mehr sagen kann: das ist eine Lüge, und das ist eine Wahrheit.
⇢ Legitimität der Lüge in der Politik – Hannah Arendts Beiträge zum Gespräch im Düsseldorfer Bildungsforum am 27. Mai 1975
Genau das meinte ich übrigens vor einigen Wochen in meinem ⇢ kleinen Appell zu GenAI im Aktivismus – dieses Aufweichen der Trennung zwischen Wahrheit und Lüge ist ein ganz bösartiges Gift für eine Gesellschaft, und wir sollten uns nicht daran beteiligen.
PS: Das Beitragsbild (das zumindest in dieser Kategorie primär symbolische Funktion hat) ist auf einer gewissen Ebene auch eine Lüge, denn es zeigt zwar Schnee, aber solchen auf einem Zaun in Hoisdorf … In diesem Fall weiß ich zumindest, dass es echt ist und wo die Rechte liegen 😉