Randbemerkungen

Phantomverpflichtungen

Kennt ihr dieses Gefühl, wenn ihr euren RSS-Feed­reader ein paar Tage nicht geöff­net habt und euch dann Dut­zende oder gar Hun­derte unge­lesener Arti­kel gemeldet werden? Mir zumin­dest geht es dann oft so, dass ich sofort die Lust ver­liere und das Pro­gramm direkt wieder beende, nur um dann beim nächsten Auf­ruf mit einer noch viel größeren Zahl konfron­tiert zu werden …

Terry Godier hat sich gefragt, warum das eigent­lich so ist – warum diese Soft­ware-Klasse zumeist dem Prinzip eines Mail­programms nach­emp­funden ist, obwohl es so viele andere Möglich­keiten gäbe, das Inter­face zu gestal­ten. Er hat es aber nicht nur sich selbst gefragt, sondern ⇢ auch seine Commu­nity im Fedi­verse. Und er hat darauf eine Antwort bekom­men, nämlich von Brent Simmons, dem Entwickler von NetNewsWire, der diese Design­entschei­dung vor mehr als 20 Jahren zum ersten Mal getroffen hat. Aus diesem Austausch ist ein ziem­lich toller Essay entstanden über die Schuld­gefühle, die wir uns unnötiger­weise von Soft­ware aufnö­tigen lassen: ⇢ terrygodier.com/phantom-obligation

Viele der Schluss­folge­rungen, die sich aus diesen Über­legungen ziehen lassen, habe ich über die Jahre selbst schon gezogen; so sind auf den Mobil­geräten die Benach­richti­gungen für die meisten Apps mindes­tens stumm-, meistens komplett ausge­schaltet, nur das Telefon und ausge­wählte Signal-Kontakte haben umfas­sende Berech­tigungen, und auch das nur in wenigen Ausnahme­fällen 24/7.

Während ich diesen Aufsatz las, fiel mir aller­dings auf, dass es in meinen digi­talen Ange­legen­heiten doch noch eine Sache gibt, die mich ohne Notwen­dig­keit piesackt, und das ist die „Mag ich“-Funk­tion auf meiner Website. Oder genauer: Das war sie, denn das entspre­chende Plugin habe ich heute dein­stal­liert. Ja, es gab euch die niedrig­schwellige Möglich­keit, Lob oder Zustim­mung auszu­drücken; aber für mich war es primär ein Stress­faktor, weil diese unschein­bare kleine Zahl unten auf jeder Seite mich perma­nent anplärrte, treib gefäl­ligst Markt­forschung, kümmere dich um die Inter­essen deiner Leser*­innen, und sorry, genau das ist nicht der Sinn eines privaten Blogs 🙂

6 Comments

  • Patrick Jobst

    Was den RSS-Reader betrifft, halt ich es mit „die Vergangenheit ist bereits passiert, ich kann damit abschließen“ und klicke auf „Alles als gelesen markieren“. Man sollte auch loslassen können, um sich Neuem zu öffnen. 😉

  • Klaus

    Das ist ein Punkt, den ich an MS Teams hasse: ich habe alle möglichen Benachrichtigungsoptionen abeschaltet. Trotzdem blinkt das Ding mehrfach am Tag und zieht Aufmerksamkeit auf sich.

    Einzige Abhilfe, die ich bisher gefunden habe: Teams komplett schließen. Ist aber auch doof, weil sich in unserer Firma etabliert hat, dass die Kollegen nur noch über Teams statt über Festnetz oder Handy anrufen.

    ARGH.

  • derbaum

    diesen artikel hatte ich tatsächlich im feed-reader übersehen/weggeklickt – genau nach einem von den von dir beschriebenen zeiträumen 😉 — ich finde es ehrlich gesagt schade das das herzchen nicht mehr da ist – genau für den beschriebenen zweck habe ich es genutzt. bei gibts das noch – es setzt mich auch nicht unter druck – ich bin nur manchmal erstaunt wieviele leute da drauf klicken und keinen kommentar da lassen. ich freu mich drüber, aber unter druck setzt mich das nicht. aber ich kann deine entscheidung gut nachvollziehen und respektiere das selbstredend. und lese alles – wenn ich nicht mal den reader komplett wegklicke – wie jetzt nach ostern! 🙂

    • Christian Wöhrl

      Rein rational betrachtet sollte ich ja auch kein Problem mit einer so dezenten Zahl auf der Seite haben. Rational … faktisch hab ich mir dann doch immer wieder Gedanken gemacht, wenn ein Beitrag besonders viele oder besonders wenige Reaktionen hatte, und ich möchte hier einfach nicht in Marktforschungs-Kategorien denken 🙂

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