Randbemerkungen

Fahrräder als Modeartikel

Warum muss etwas poten­ziell so Lang­lebiges wie ein Fahrrad eigent­lich bei der Ersatz­teil­versorgung irgend­welchen Moden unterworfen sein?

Meine beiden Touren-/Reise­räder sind knapp 25 bzw. knapp 30 Jahre alt, geben mir beide aber noch keinen Anlass zu der Vermu­tung, sie könnten ihren Dienst demnächst quit­tieren. Doch mit der Verfüg­barkeit von adäquaten Verschleiß­teilen wird es all­mählich schwierig:

Das Ältere der beiden, nennen wir’s das Rennrad, hat natür­lich noch Felgen­bremsen. Die sind halt längst nicht so leistungs­fähig wie die heute üblichen Scheiben­bremsen, und als ich dem Rad ⇢ letztes Jahr das Zelt aufge­laden und damit die Alpen besucht habe, hätte ich gern etwas mehr Brems­kraft gehabt. Für solche Bedürf­nisse gab es früher mal kera­misch beschich­tete oder sonstwie speziell bear­beitete Felgen, die um den Preis höheren Belag­abriebs für kürzere Brems­wege sorgen sollten. Beto­nung auf „gab“ – habe inzwi­schen eine ganze Weile gesucht, aber keiner der üblichen Verdäch­tigen hat so etwas heute noch im Programm. Offen­sicht­lich geht „der Markt“ davon aus, dass alle, die heute noch mit dem Renner in die Berge wollen, längst auf Discs umge­sattelt haben.

Der jüngere Tourer ist eher ein Mountainbike-Typ. Der hat Scheiben­bremsen, sogar ziem­lich kräf­tige. Und er steht auf 26-Zoll-Lauf­rädern, was ich grund­sätz­lich nach wie vor prima finde: Das Rad ist bei passabler Lauf­ruhe sehr kompakt und lässt sich auch ange­nehm in die Bahn verladen, derweil ein heute übliches 27,5- oder 29-Zoll-Modell gar nicht mehr in jeden Bahnhofs-Fahr­stuhl passen würde. Aber sein Baujahr war grade noch vor dem Trend zu zwei bis drei Zoll breiten Reifen, weshalb die Ketten­streben nicht so weit gekröpft sind, dass die heute gängigen Schlappen in den Hinterbau passen. Nun wär’ ich ja immer noch völlig zufrieden mit 40- bis 47-mm-Berei­fung: Aber versuch’ in dieser Kate­gorie mal noch einen Falt­reifen zu finden! Draht­reifen, ja, da bekomme ich noch alles, was ich brauche; aber als Reserve auf einer Reise hab’ ich doch lieber einen Falt­reifen dabei, und da wird es inzwi­schen sehr exotisch und SEHR teuer.

Finde es wirklich schade, dass man bei allem, was grade Trend ist, jedes Teil in Dutzenden oder gar Hunderten Varianten findet, aber nach allem außer­halb des Trends suchste dich dumm und dämlich. Da ist das Wirken der Märkte gar nicht mal so segens­reich, und im Ernst wäre mit Blick auf Nach­haltig­keits-Aspekte ein Quent­chen (Achtung: böses Wort) Plan­wirt­schaft viel­leicht nicht übel …

Und dann ist da noch das Drittrad. Seit ca. zweiein­halb Jahren bin ich manchmal auch mit E-Unter­stützung unter­wegs, nämlich auf einem 20-Zoller mit 5-Gang-Nabe. Das ⇢ nütz­liche kleine Ding nimmt den anderen beiden nichts weg, denn meis­tens ersetzt es eine Fahrt entweder mit dem Auto oder mit dem ÖPNV – gemüt­lich einen Zentner Streu­gut aus dem Bau­markt nach Hause schaffen oder unver­schwitzt beim Besuch in Lübeck ankommen klappt damit super. Das ist also ziem­lich neu und hat noch nicht die Versorgungs­probleme der beiden älteren, aber dafür ist in einigen Bereichen die Reparier­barkeit schlechter als von früher bekannt: Zum Beispiel musste bereits das Rück­licht getauscht werden – das hatte ich kaputt-rangiert –, und bei der Beleuch­tung für E-Bikes gibt es keine Stecker mehr an der Lampe, sondern die volle Kabel­länge ist fest montiert und muss umständ­lich durch den Rahmen bis zum Motor geleitet werden (oder man macht zwei beherzte Schnitte und lötet dann sorg­fältig, aber das dauert und kostet ja auch).

Ähnlich kompliziert und im Austausch­falle teuer wird es auch mit der Bedien­einheit für den Antrieb, und daher find ich es doppelt ärger­lich, dass deren Tasten offen­sicht­lich nicht auf Dauer­betrieb ausgelegt sind. Das Rad hat jetzt grade mal 6000 km hinter sich, und um die Motor­leistung zu ändern, muss ich oft genug drei-, fünfmal oder noch öfter drücken, bis das Spielzeug reagiert.

Auch der Riemen­antrieb gehört in die Kate­gorie „bin nicht sicher, ob ich den noch mal nehmen würde“. Ja, er ist sauber und weniger wartungs­intensiv als eine Kette. Aber wenn der mal reißt – und allein in meiner näheren Umge­bung kenne ich inzwi­schen zwei Fälle –, wird es absurd teuer und voraus­sicht­lich umständ­lich in der Beschaf­fung. Auch die mit Kette sehr einfache Anpas­sung der Über­setzung (Ritzel tauschen, Kette ggfs. kürzen oder tauschen, typischer­weise mitt­lerer zwei­stelliger Betrag) wäre mit dem Riemen­system viel aufwen­diger und eher mit mitt­leren dreistelligen Kosten verbunden. Weshalb ich halt, wie bei Serien­rädern typisch, hier mit viel zu langer Über­setzung unterwegs bin und Gang­stufe fünf nur ober­halb von 30 km/h, also quasi nie brauche. 

Jedenfalls bin ich sehr gespannt, ob ich von dem elektri­fizierten Esel­chen in 25 Jahren auch noch sagen kann, fährt ja noch ganz gut, nur die Verschleißteile …

5 Comments

  • Aebby

    *seufz – same here 😉

    Vor vielen Jahren hatte ich ein Rennrad und ein Mountainbike mit Gepäckträger, die so aufgebaut waren, dass ich sogar Ritzel und Kettenblätter zwischen den Rädern tauschen konnte.

    An meinem Tourenrad habe ich auch Felgenbremsen, da werde ich mir demnächst zur Sicherheit einen größeren Vorrat Bremsklötze anschaffen. Reifen auf Vorrat sind da schon schwieriger, die werden beim jahrelangen Einlagern nicht besser.

    Ich bin gerade ernsthaft am Überlegen meinen Fuhrpark zu konsolidieren und auch in Bezug auf Wartbarkeit und Technologie zu verkleinern.

    In Sachen Riemen, bin ich tatsächlich froh, dass ich die Umstiegs- Option nicht gewählt habe und bei der Kette geblieben bin. Anscheinend können die Riemen bei falscher Lagerung leicht kaputt gehen.

    • Christian Wöhrl

      Was die Lagerung der Riemen angeht: Wenn mal wieder eine längere Tour zu zweit ansteht, werde ich wohl für das Rad der Liebsten (das auch Riemenantrieb hat) für Notfälle eher ein Kettenblatt, Steckritzel und Kette einpacken und ggfs. halt ein bisschen schrauben. Kostet zusammen noch weniger als ein Riemen einzeln und hat keinerlei Lagerungs-Probleme …

        • Christian Wöhrl

          Ich hab das Video allein schon wegen der traumhaften Trails bis zu Ende angeschaut 🙂
          Aber meine Überlegung mit dem Notfall-Umbau beim Rad der Liebsten ist, fürchte ich, auch noch nicht ausgereift, denn man braucht wohl für die Demontage der Riemenscheibe hinten vom Steckritzelträger auch Spezialwerkzeug … Die Rohloff-Anleitung sieht zwar auch die alternative Notreparatur mit „roher Gewalt“ vor, aber das macht man ja auch nicht allzu gern. Und ob die Kettenlinie hinterher noch einigermaßen passt, müsste ich auch vorher vermessen. Also am besten, das Ding reißt einfach nicht …

  • Aebby

    Das Ding reißt einfach nicht … in der Tat, das ist die beste Lösung. Die Extrem-Schlammlöcher werdet Ihr wohl nicht durchfahren. Das ging mir bei dem Video auch so, dass ich alleine wegen der Trails immer weiter geschaut habe.

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