Randbemerkungen

Prämissen

I’m gonna walk till I don’t feel the pain any more

Während Ende Mai die Frist zum Nicht­erwerb von Stephan Klei­nerts faszi­nierendem ⇢ Album „Strate­gies Against Algo­rithms“ ablief (hier im Februar bereits ⇢ erwähnt), kamen über den Monat noch die ⇢ Liner Notes zu den einzelnen Stücken hinzu, und die zu lesen lohnt sich auch sehr. Bei manchen, wie dem Begleit­text zu meinem Lieb­lings-Track, „Walk“, wird mir der Zusammen­hang zur Musik unmittel­bar deut­lich, andere erschließen noch zusätz­liche, über­raschende Ebenen jenseits dessen, was ich höre; oft aber finde ich Gedanken, die mir so oder ähnlich bestens vertraut sind und mir beru­higender­weise zeigen, dass ich mit meinem Blick auf die Welt doch nicht allein bin. (So nämlich fühlt es sich gar nicht mal selten an.)

Stephan konnte, wenn ich es recht verstehe, deut­lich mehr Exem­plare seines Albums an Inter­essent*­innen weiter­geben, als er geplant hatte; gesamt­gesell­schaft­lich hingegen, würde ich sagen, fehlt es uns an allen Ecken und Enden an geeig­neten Strate­gien *gegen* Algo­rithmen. Unsere Strategie ist eher, mir scheint das ein System­fehler bei Homo sapiens zu sein, Prämissen wie „Das Zeug ist nun mal da und geht auch nicht wieder weg“ vorschnell zu akzep­tieren. Unter dieser Prämisse dann sieht es natür­lich sinnv­oll aus, sich zu über­legen, wie man aus einem gege­benen Haufen Müll noch was Nutz­bares raus­kratzen kann. Es gibt auch eine Menge zweifel­los kluger Über­legungen dazu, zum Beispiel zum Einsatz von LLMs in der Bildung – mögliche Start­punkte in diese Thematik wären etwa ⇢ https://creative-mind-lab.de/einblicke/ oder ⇢ https://digitalanalog.at/.

Und dennoch: Warum nicht lieber darauf hinar­beiten, dass das Zeug halt doch wieder weggeht? Warum nicht nach besten Kräften boykot­tieren und in mora­lisch vertret­barem Rahmen auch sabo­tieren, statt viel Mühe darauf zu verwenden, dass ein winziger Bruch­teil dessen, was mit Gen-AI-Werk­zeugen gemacht wird, *nicht* auf indi­vidu­eller wie gesell­schaft­licher Ebene zerset­zend und zerstö­rerisch wirkt? Nein, bisher konnte mich kein noch so durch­dachtes Argu­ment davon über­zeugen, KI zu meinem Lieblings­werkzeug zu machen, wie es in einem ⇢ Inter­view in der aktu­ellen journa­listin gefor­dert wird (Herr Burchardt gehört offen­sicht­lich auch zur Frak­tion „ist nun mal da, geht nicht wieder weg“) – ich denke nicht dran, mich mit etwas anzu­freunden, von dem ich zutiefst über­zeugt bin, dass die Welt ohne seine Exis­tenz eine bessere wäre.

4 Comments

  • Aebby

    Und dennoch: Warum nicht lieber darauf hinar­beiten, dass das Zeug halt doch wieder weggeht?

    Ich bin definitiv für boykottieren. Beruflich bin ich mit der einen oder anderen LLM Anwendung konfrontiert. Am häufigsten mit den unsäglichen Zusammenfassungen von Meetings und Dokumenten – nichts davon funktioniert rictig gut und das Kernproblem wird auch nicht gelöst. Das LLM kann auch nicht besser zusammenfassen als ein Mensch. Um das Protokoll sinnvoll nutzen zu können sollten es zudem auch alle lesen und bestätigen – das wurde schon vorher nicht gemacht – das generierte Protokoll liest immer noch keiner.

    Bei der Content-Generierung verweigere ich mich nach ersten Experimenten (noch vor dem Hype) komplett. Was da rauskommt ist ohnehin indirekt geklaut und neu vermischt.

    Die wenigen Ideen für sinnvolle Anwendungsfälle, die mir schon untergekommen sind, wurden nicht umgesetzt weil es zu aufwändig war. Klar – wenn man will, dass was sinnvolles passiert, muss man vorab über die Daten und ein Training des Modells nachdenken. Das will kaum jemand.

  • Stephan

    Ich glaube das Schlimmste an der ganzen Sache ist, dass man niemandem mehr trauen kann.

    Ich habe eben ein Video von einem Hobby-Musikkritiker gesehen, der auf youtube ein Album reviewt. Ich kann natürlich nicht vollkommen sicher sein, aber vieles von dem was er redet hört sich an, als würde es direkt aus einem LLM kommen (eine Menge typische LLM-Stilmittel wie negative Parallelismen, Werbesprache, etc. pp.); das Video ist aus 2025, ist also gut möglich, dass der Text entweder in Teilen oder in Gänze von ChatGPT stammt – und dann fängt es halt an, traurig zu werden, denn da sitzt ein Mensch vor einer Kamera und liest wie eine Marionette einen maschinengenerierten Text ab und untermalt ihn mit menschlichen Regungen… und so sehr ich gerne würde, ich kann diesem Menschen nicht mehr trauen.

    Noch blöder erging es mir neulich, als ich beschloss, Ansel (eine Open-Source-Software zur Bildbearbeitung, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, das langsame und überkomplizierte Chaos, das „darktable“ ist, zu entwirren und schneller zu machen) eine Chance zu geben. Ich hätte Ansel echt gerne gemocht und unterstüzt und entdeckte auch gleich so einige Bugs und machte mir die Mühe, Reproduktionsanleitungen zu erstellen und die Fehler zu melden.

    Bei den ersten Bugs ging das auch noch gut. Doch plötzlich wurde ein Bug 10 Sekunden nachdem ich ihn gemeldet hatte als „unklar“ einsortiert (und glaub mir, er war alles andere als das. Er war präzise reproduzierbar und machte einen Teil der Benutzeroberfläche unbenutzbar). Ich wurde stutzig und schaute mir auf github die zum Projekt gehörenden Github-Workflows an, und siehe da: Da war ein Workflow hinzugekommen, in dem ein LLM eine vollautomatische „Triage“ der Bugreports vornahm.

    Ich könnte das vielleicht noch verstehen in einem Projekt das mehrere 10000 User hat, und wo die Bugreports im Minutentakt reinkommen. Aber bei einem lächerlichen kleinen Open-Source-Projekt, wo vielleicht 10 Leute freiwillig testen und ihre kostbare Zeit darauf verwenden, Bugreports zu schreiben, ist das einfach nur ein Schlag ins Gesicht, und damit war jegliches Vertrauen in das Projekt dahin.

    Aber am Allerschlimmsten ist, wie man anfängt, sich selbst zu beobachten und zu schauen ob eventuell irgendjemand auf die Idee kommen könnte, irgendwas von den eigenen Ergüssen könnte LLM-generiert sein. Das ist mir insbesondere bei meinen Liner-Notes für „Strategies Against Algorithms“ aufgefallen: Plötzlich sass ich da und überprüfte meinen Text darauf, ob ich Gedankenstriche und/oder Ellipsen verwende (was ich einfach schon immer getan habe, was vielen Menschen aber als „AI-Indikator“ dient), oder eine Art Sprache, die eventuell LLM-generiert erscheinen könnte.

    Musste mich dann selbst stoppen – denn mich deshalb selbst zu zensieren, das wäre der Anfang vom Ende… aber ich habe auch nicht wirklich einen Plan, wie man am besten mit der ganzen Misere umgeht…

    • Christian Wöhrl

      Dass ich mich bei Ansätzen der Selbstzensur ertappe, passiert mir seit einigen Monaten – ungefähr seit https://silberpixel.net/2026/03/13/rechtschreibung-ist-tot/ – auch gelegentlich. Und nein, einen brauchbaren Plan habe ich auch nicht. Ich kann mich nur auf mein Bauchgefühl berufen, das recht deutlich sagt: Du kannst doch nicht kapitulieren, ohne Widerstand auch nur ernsthaft begonnen zu haben. Also verweigere ich mich tunlichst jeglicher GenAI-Nutzung und nutze in einem Umfeld, das dafür wenig bis kein Verständnis hat, jede Gelegenheit, zu vermitteln, warum ich überzeugt bin, dass das die richtige Option ist. Bleibt dann die Hoffnung darauf, dass noch so wenige winzig kleine Widerstandsnester hier und da irgendwann doch sichtbar wirksam werden … Und wenn ich es nicht erlebe, muss ich mir zumindest nicht vorwerfen, es nicht versucht zu haben.

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