Durch die Dolomiten schieben
Natürlich hab ich nicht die ganze Strecke geschoben – dann wäre ich wohl jetzt immer noch unterwegs. Aber ein paar Schiebepassagen mehr ⇢ als im vorigen Jahr waren es schon, als ich im Juni von Sonthofen auf dem nicht-ganz-direktesten Weg nach München geradelt bin. Das war so geplant: Denn dieses Mal war ich nicht per Rennrad, sondern mit dem Schwerlast-Reiserad mit seinen MTB-Genen unterwegs und wollte dazu passend ein paar Straßen und Trails aufsuchen, auf die ich mich voriges Jahr nicht getraut hätte. Und wo die Steigung deutlich über 20% liegt und dazu die Oberfläche statt aus glattem Asphalt aus Rollsplitt oder Schotter besteht, dort bleiben Absteigen und Schieben nicht aus. Aber es hat sich gelohnt, denn solche Wege führen oft in besonders schöne Landschaften, viel näher heran an die spektakulären Felsgebilde – und an die Murmeltiere 🙂
Die Route lässt sich ⇢ hier nachvollziehen – das sind großteils Original-Strecken aus dem Columbus-Tracker1 und da, wo er nicht mitlief, von Hand rekonstruiert. Insgesamt waren es 16 Fahrtage (davon zwei ohne Gepäck – einmal im Tannheimer Tal zum Akklimatisieren und dann in Misurina, um frühmorgens zu den Tre Cime radeln zu können), dabei sind knapp 1000 Kilometer und rund 22.000 Höhenmeter zusammengekommen. Wobei insgesamt die langen Etappen (zwei kratzten an der 100-km-Marke) die leichteren waren, weil z.B. Straßen wie das Timmelsjoch oder die Glocknerstraße gut ausgebaut und nicht sehr steil sind. Am anstrengendsten war eindeutig die Tour durchs Val da Rin nach Misurina, als ich für 23 km mit reichlich Geröll und giftigen Steigungen sieben Stunden gebraucht und sehr viel geschwitzt habe …
Die Transportkapazität des Drahtesels habe ich diesmal ziemlich hemmungslos ausgekostet – nachdem ich voriges Jahr auf den bequemen Campingstuhl verzichtet und auch sonst ein paar Abstriche gemacht hatte, wollte ich dieses Mal lieber ein bisschen mehr dabei haben und schauen, ob ich es wirklich brauche. Das hat dann dazu geführt, dass das Gepäck je nach Stand der Küchen-Vorräte um 35 bis 40 kg pendelte (Fahrrad nicht mitgerechnet). Beim Fahren war das nicht wirklich ein Problem (wohlweislich hatte ich vorher ein deutlich größeres als das Standardritzel montiert und entsprechend leichte Berggänge zur Verfügung); beim Schieben und insbesondere in den seltenen Fällen, wo es das Rad über ein Hindernis zu heben galt, war es schon lästiger; aber vor allem war es ein Problem bei der Bahn-Anreise: Hamburg – Aufzug defekt. Ulm – Aufzug defekt. Sonthofen – standardmäßig nicht barrierefrei, nur Treppe. Zum Glück gibt es in der Bahn meist Mitfahrende mit Rad, und dann ⇢ funktioniert das Teamwork. Aber generell würde ich zukünftig lieber das Gesamtgewicht von Rad + Gepäck so bemessen, dass ich es alles auch mal ein paar Schritte tragen kann, ohne hinterher ne halbe Stunde zu hecheln … Auf so viel Gepäck wird man allerdings von den Rennrad-Kollegys sehr häufig angesprochen – nach ein paar Tagen war mein Standard-Spruch, „Wenn ich schon sonst keine Rekorde breche, möchte ich zumindest in die ewige Top ten der schwersten Biobikes im Hochgebirge“ 🙂
Einiges Potenzial zum Gewichtsparen gibt es nächstes Mal bei der Fotoausrüstung – da war ich diesmal wirklich üppig aufgestellt. Die gesamte Lenkertasche (und es ist eins der größten Modelle) war voll bis zum Anschlag mit Fotokram, und ein bisschen was war auch noch in eine Seitentasche ausgelagert …
Vor allem hat sich der Ansatz, das Objektivwechseln zu minimieren, dieses Mal so gar nicht bewährt: Obwohl ich zwei Kameragehäuse dabeihatte, deren eines ausschließlich das Weitwinkel drauf hatte (zusätzlich mit Gummi zum Bajonett hin gedichtet), und am zweiten bei jedem seltenen Wechsel zwischen 50 und 135 mm den Reinigungs-Modus aktivierte, waren bei beiden Kameras die Sensoren, die ich unmittelbar vor Abreise gründlich gereinigt hatte, vom ersten Tag an fleckig – und zwar derart, dass beim Bildersortieren und -bearbeiten das Ausflecken den weitaus größten Zeitaufwand erforderte. Da kann ich gleich bei einem Gehäuse bleiben. • Sicherheitshalber hatte ich je Kamera 3 Akkus eingesteckt, das war auch arger Overkill. • Außerdem hatte ich außer je einem ND-Filter für die zwei vorhandenen Gewindegrößen (selten, aber nicht nie gebraucht) auch mal wieder Polfilter dabei, aber die sind nicht ein einziges Mal aus der Filtertasche rausgekommen. Theoretisch weiß ich sie ja zu würdigen, aber praktisch fehlt mir dafür irgendwie der Sinn • Das klitzekleine Stativ – ein uraltes Gitzo 1005 – würde ich hingegen wieder mitnehmen. Das wiegt fast nix und kam ziemlich häufig zum Einsatz. • Und schließlich ist 18 / 50 / 135 mm zwar eine extrem tolle Kombination für Landschaftsfotografie, aber mit, sagen wir, 35 / 85 mm wäre ich bei meinem Material ein gutes Pfund leichter (und in der Tasche luftiger) unterwegs; auf extremes Weitwinkel könnte ich am ehesten verzichten (zumal es das zur Not auch im Handy gibt), und solange es nur um Web-Zwecke geht, lässt sich ein 135er Ausschnitt aus einem 85er allemal rausvergrößern.



Radwege … Den durchs Ötztal gab es noch nicht, als ich letztes Mal dort war (ist aber auch viele Jahre her). Der ist baulich sehr angenehm von der Autostraße getrennt und abwechslungsreich geführt, aber um den Preis, dass man über die gesamte Länge des Tals auf etliche Höhenmeter extra kommt. • Bozen–Brenner hatte ich letztes Jahr bereits lobend erwähnt; das ist mitunter sehr spektakulär, wie sich Radweg, Bundesstraße und Brennerautobahn das enge Tal teilen. • Die Plätzwiesenstraße wird ab Außerprags von einer Schotterpiste begleitet und man hat als geländegängiges Radly nach Lust und Laune mehrfach die Möglichkeit, zwischen beiden zu wechseln.
Da ich rund um die Sommersonnenwende unterwegs war, wurde es extrem früh hell, in der Regel wachte ich ohne Wecker zwischen vier und halb fünf Uhr auf. Dann wurde bereits konzertiert, und ich ließ allmorgendlich mindestens einmal für fünf Minuten die Merlin-App laufen. Meist identifizierte sie Arten, die ich auch von daheim kenne – Amsel, Meisen, Buchfink, Zilpzalp, Mönchsgrasmücke, Stieglitz –, aber an der Haflinger Panoramastraße freute ich mich über einen Fichtenkreuzschnabel, am Mahlknechtjoch über einen Wiesenpieper, am Misurinasee sangen wieder ein FKS sowie ein Alpenbirkenzeisig, in Ainet eine Gebirgsstelze und am Glockner ein Bergpieper.


Tunnel sind ja in den Bergen meine Endgegner: Nur manchmal ist üppig Platz für Radlys, wie in der Lawinengalerie über Sölden, wo eine eigene Spur immerhin per Rüttelstreifen getrennt ist. (Farbe ist keine Infrastruktur, aber so ist es besser als nix.) • Manchmal wirds mühsam, wie auf der Haflinger Höhenstraße, wo der Seitenstreifen ruppig-unbefestigt ist und man besser schiebt als fährt. • Wirklich gruselig ist die Straße von Jenesien runter nach Bozen, wo zwei Tunnels je eine 270°-Kurve im Berg beschreiben. Und die sind furchtbar eng, trotzdem hat mich im einen noch ein Lieferwagen hauteng überholt, obwohl ich aus Kulanz schon schneller gefahren bin, als ich’s ohne Drängler im Nacken gemacht hätte. Der Kerl dürfte meine Meinungsäußerung auch durch die geschlossene Scheibe gehört haben – aber das Bedürfnis, jemanden mit einem besonders öligen Teil seines Getriebes durchzuprügeln, hab ich auch regelmäßig bei der Minderheit von Motorradfahrern, die in Tunneln nur zum Spaß so mächtig Gas geben, dass unsereins vor Schreck fast gegen die Wand fährt …



Misurina ist das neue Neuschwanstein. Bin wohlweislich nicht auf einen Freitag/Samstag hingefahren, aber das Gedränge da oben war trotzdem speziell … Zu den Tre Cime bin ich ja morgens um kurz nach vier losgeradelt, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang oben zu sein, und auf den 6,7km steiler Straße bin ich schon von mehr als einem Dutzend Autos überholt worden. Als das Café am Rifugio um sieben öffnete, stand schon eine lange Menschenschlange vor der Tür, und an den Parkplätzen waren mehrere Einweiser beschäftigt. Am Ufer des Misurinasees war es ganz schön tricky, posierenden Menschen und ihren Fotograf*innen auszuweichen, und die Spiegelung der Tre Cime im Lago d’ Antorno dürfte auch mehrere Dutzend Mal pro Tag zu Instagram hochgeladen werden.


Abschließend noch zwei Notizen zur Großglockner-Hochalpenstraße. Das Foto links hatte ich ja schon, aber ich lieb’s sehr, und ich hoffe, das argentinische Pärchen meldet sich noch mit seiner E-Mail-Adresse, damit ich es ihnen schicken kann (meine Adresse habe ich ihnen ins Fon getippt, aber meins hatte ich nicht dabei – hatte mein Rad etliche Meter weiter geparkt und war nur mit dem 135er zurückgerannt, um dieses Bild zu machen). • Und was mich am Pasterzengletscher erwarten würde, das wusste ich zwar vorher schon. Aber dieses Elend mit eigenen Augen zu sehen, das war doch noch mal intensiver, als nur drüber zu lesen. Ich saß da an der Franz-Josefs-Höhe eine ganze Weile und hab fast geheult …
- Ein, zwei besonders wirre Kringel, z.B. im Ötztal, deuten darauf hin, dass ich hier im Supermarkt war und der Tracker ohne direkte Signale halluziniert hat ↩︎





8 Comments
Brigitte
Super, bin voll begeistert, klasse Leistung und interessanter Bericht.
Grüße Brigitte
Christian Wöhrl
Übrigens war ich, apropos „Leistung“, diesmal tatsächlich hin und wieder neidisch auf die Kolleg*innen auf E-Mountainbikes (diese Fahrradgattung scheint fast nur noch motorisiert verkauft zu werden) und auf diese Leichtigkeit, mit der sie an schweren Steigungen unterwegs waren. Hab auch ein bisschen gegrübelt, wie ich so was anstellen könnte mit E-Unterstützung, aber mein Hauptproblem wäre wohl die Routenplanung: Auf vielen Campingplätzen wäre ich drauf angewiesen, zu Rezeptions-Öffnungszeiten anzukommen, damit eine Steckdose freigeschaltet wird (und womöglich am nächsten Morgen bis zur Abrechnung bleiben zu müssen, statt um 6 Uhr schon unterwegs sein zu können); und eine gelegentliche Hüttenübernachtung wäre auch nur da möglich, wo ausreichend Strom verfügbar ist – auf der Winklerner Hütte, wo ich diesmal geschlafen habe, wäre das z.B. nicht dringewesen.
der baum
wie schon erwähnt – chapeau! die zahlen hauen einen um! (ich bin immerhin 25km im tal geradelt und hab dabei 200 höhenmeter bewältigt, auf e-leihradl 😉). danke fürs mitnehem und vielleicht gibts ja noch das eine oder andere zu lesen!
Brigitte
Die neuen Boschmotoren verfügen inzwischen über 120 Nm, da werde ich am Buckel mit meinen 50 Nm neidisch 🙂 Volle Achtung vor Deiner Leistung, diese Strecken ohne Unterstützung zu fahren ! Ich vermute der Akku würde bei Dir länger halten wie bei jemanden der nur Pedelec fährt. Erschwerend ist, dass die Pedelecs bereits 24 – 29 Kg wiegen, da wird mit dem Gepäck ein nicht funktionierender Aufzug oder eine Treppe ohne Rampe und ohne Hilfe zum Alptraum 🙂 Es soll Solar-Ladepanels zur Befestigung am Rad geben.
Christian Wöhrl
Stimmt, das zusätzliche Gewicht ist auch noch ein heikler Faktor, zumal man ja auch nicht überall davon ausgehen kann, passende Ladestationen zu finden – und allein so ein Bosch-Ladegerät füllt ja fast eine halbe Packtasche und wiegt auch noch mal ein, zwei Kilo.
Das mit der Reichweite müsste ich wohl selbst ausprobieren: Ich kenne ja nur mein „Mini-Lastenrad“ mit 5-Gang-Nabenschaltung, dessen 500-Wh-Akku nach einer 80-km-Tour auf Asphalt und ohne Gepäck hier im Flachland bei niedrigster Unterstützungsstufe (nur um heftiges Schwitzen zu vermeiden) komplett leer ist. Wenn ich das als Maßstab nähme, käme ich im Gebirge kaum eine halbe Passstraße hoch – andererseits hat mir jemand meines Alters dort oben erzählt, mit ihrem eMTB (wohl mit 750er Akku) habe sie mit Packtaschen in den Dolomiten eine Reichweite von über 150 Kilometer, wenn sie nur selbst hinreichend kleine Gänge tritt; und das wäre dann schon was Reelleres …
Christian Wöhrl
Material wäre jedenfalls noch da, das Notizbuch ist wieder recht voll geworden … Auf jeden Fall war es ein ganz famoser Zufall, dass wir beide zur gleichen Zeit denselben Berg anschauen und uns dann auch noch davon berichten 🙂
derbaum
jipp, das war schon amüsant! 😉
kaesedurst
Wow, was für ein toller ausführlicher Bericht und chapeau für die Leistung!