Randbemerkungen

Ich bin Grafiker und mag langweiliges Papier

Es kommt zum Glück nicht mehr häufig vor, aber hin und wieder findet sich noch berufs­spezifische Reklame im Brief­kasten. Den meisten Sendungen gelingt es nicht, mich auch nur zum Öffnen des Umschlags zu über­reden, aber diese hier machte mich neugierig genug, um zwar nicht zur Kreis­säge, so doch zum Brief­öffner zu greifen:

Aber Alte Schwedin!, was ich hier fand, ist so rückwärts­kompatibel, als habe jemand den Timer im DeLorean auf 1970 gestellt: ein dicker Stapel aus Muster­bögen und Broschüren, die sich sämt­lich mit Druck­veredelung per Spot-Folierung befassen. Veredelung, muss man wissen, ist in Papier-Kontexten nur zu oft ein Euphe­mismus für „Wert­volle Rohstoffe von sinn­vollen Recycling-Kreis­läufen ausschließen“ und wird von Metallic- und 3D-Effekten gründ­lich auf die Spitze getrieben. Genau das Rich­tige in einem Sommer, in dem der Energie­aufwand zur Wohl­tempe­rierung der Häuser jener, die es sich leisten können, nur noch getoppt wird von unserem kollek­tiven Energie­aufwand, der nötig ist, um die Krisen der Erdsysteme weiterhin zu verdrängen. Oder kurz: komplett aus der Zeit gefallen!

Da ist es nur folge­richtig, dass die Bild­sprache der Muster­drucke im Wesent­lichen zwischen Vulgär­sexismus und Vollgas­fetisch oszilliert, verfei­nert mit einer Prise Rassismus:

Extrem hoch-glänzendes Foto in Gangsta-Rap-Ästhetik. Fetter, prolliger Benz neben zwei übertrieben dünnen Frauen in Prostituierten-Dienstkleidung. Der Farbige Fahrer der Karre schaut die Frauen lüstern an. An die Wand hinter dem Auto sprayt jemand gerade "No more Porn"


Wer auch immer diesen fragilen Turm hoch gesta­pelter Klischees insze­niert hat, würde sich vermut­lich darauf zurück­ziehen, dass das links oben unauf­fällig in den Schatten absau­fende Graffito „No more Porn“ das Vorder­gründige im Motiv ironisch bricht; aber hey, ich breche auch, wenn ich so was sehe, bloß unironisch. Das einzig Posi­tive, was sich diesem Marketing-Rohr­krepierer abge­winnen lässt, ist der Umstand, dass mein Daten­satz in der Adress­daten­bank offen­sichtlich noch nicht konturen­scharf genug ist, um mich von der Aussen­dung von Material, das sich primär an rechts­drehende Incel-Ottos wendet, auto­matisch auszuschließen …

One Comment

  • uli

    Ha, das Ding habe ich eben auch aus dem Briefkasten gefischt. Aber, weil an den Kollegen adressiert, natürlich nicht geöffnet. Interessant auf jeden Fall der Trend, die totgeglaubte Papierpost wiederzubeleben. In letzter Zeit flattern hier wieder Postkarten (!) rein mit indischen Briefmarken versehen und dem Text: „Diese Postkarte hat eine Öffnungsrate von 100% – Sie halten den Beweis in der Hand.“ oder „Die nächste Generation im Mailing-Versand.“ – Wer sagt den Dullis, dass es nicht der Kanal ist, der die Menschheit weiterbringt, sondern der Inhalt?

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