Randbemerkungen

Von Freiheit und Verantwortungslosigkeit

Auf welche empiri­sche Basis beruft sich eigent­lich die Annahme des Wirt­schafts­libera­lismus, dass sich die großen Pro­bleme der näheren Zukunft, nament­lich Klima- und Arten­krise, am besten durch unregu­lierte Markt­wirt­schaft lösen lassen? Das Welt- und Menschen­bild dahinter ist mir soweit klar – und ganz fraglos ist es ja auch ein schöner Gedanke, höchst­mögliche Frei­heits­grade für alle Akteur­innen (perso­nale wie insti­tutio­nelle) seien im Inter­esse der Allge­mein­heit. Ich verstehe daher nur zu gut, wenn Anhänger des freien Markt­geschehens mit den Füßen stampfen und sagen, ich will aber, dass es so funktio­niert. Das Blöde ist halt nur, es funktio­niert eben nicht.

Die Aufgaben, vor die uns die großen Krisen unserer Zeit stellen, haben gemeinsam, dass sie sich nicht inner­halb über­schau­barer Zeit­räume zum allge­meinen Wohl­gefallen lösen lassen. Es werden Entschei­dungen zu treffen sein, deren Auswir­kungen womög­lich erst in Jahr­zehnten sicht- oder spürbar werden. (Wie ja unser Ver­schleppen unpopu­lärer Entschei­dungen seit Jahr­zehnten seiner­seits gerade erst in seinen Auswir­kungen sicht- und spürbar zu werden beginnt.) Und für das Agieren in solchen Zeit­hori­zonten, für lang­fristig-nach­haltige Entwick­lungen, eignet sich freie Markt­wirt­schaft, empi­risch betrachtet, denkbar schlecht. Von selbst, also ohne gesetz­geberische Vorgaben, bedienen Märkte die kurz­fristigen Inter­essen von Anbietern und Nach­fragenden, und diese Inter­essen sind nun mal, auf allen Seiten, primär mate­rieller und hedo­nisti­scher Natur. (Nur ein Beispiel von vielen möglichen: Ganz ohne regu­lato­rische Eingriffe würden Auto­bauer noch auf Jahr­zehnte weiter Verbren­nungs­motoren verkaufen, weil dort weniger Entwick­lungs­kosten anfallen als bei alter­nativen Antriebs­formen; und weil es auf dem Gebiet batterie­elek­trischer Fahr­zeuge noch längst nicht genug Regu­lierung gibt, exis­tiert mittler­weile auch hier – neben Flitzern für den Stadt­verkehr, wo Autos am aller­wenigsten sinn­voll sind – vor allem ein beein­druckendes Arsenal hoch­motori­sierter, unprak­tischer Lifestyle-Panzer, während Privat­leute fast noch keine ernst­haften E-Nutz­fahrzeuge kaufen können, also uncoole Autos, mit denen man Dinge tun kann, für die man wirklich ein Auto braucht.)

Was die bevor­stehende Bundes­tags­wahl in meinen Augen so schwierig macht, das ist der Umstand, dass es aktuell noch keine rundum über­zeu­genden Konzepte dafür gibt, wie eine sinn­volle Regu­lierung jeglichen wirt­schaft­lichen Handelns so gestal­tet werden kann, dass das Ergebnis den Anfor­derungen an genera­tions­über­greifende Siche­rung unserer Existenz­grund­lagen genügt. Klar ist nur: Es wird nicht ohne signi­fikante Eingriffe gehen können, und die Verant­wortung dafür liegt bei der kom­menden Regie­rung ebenso wie bei uns, die wir nicht nur diese Regie­renden wählen, sondern möglichst auch unsere eigenen Vorstel­lungen vom Wirt­schaften entsprechend anpassen sollten.

In diesem Sinne ist Wirt­schafts­libera­lismus nichts weiter als die Weigerung, Verant­wortung für das Gemeinwohl zu übernehmen, gekoppelt mit der Erwar­tung, dafür auch noch gelobt zu werden. Oder im Klar­text: Verpissen als Prinzip. So wenig ich sicher bin, welches der alter­nativen Konzepte sich am besten eignet, so sicher weiß ich: Anhänger unregu­lierter Märkte in einer Regie­rung brauchen wir ganz dringend gar nicht mehr.

11 Comments

  • Der Wilhelm

    Verpissen als Prinzip….und danach die Sintflut

    Das ist wohl genau der Punkt, der massgebend für die Befürworter unregulierter Märkte ist.
    Nachhaltigkeit ist halt keine Quelle für schnelles Geld und hohe Gewinne.

    Bemerkenswert finde ich in dem Zusammenhang auch die gldene Kuh unserer Zeiten, das Wort „Wachstum“, zumal sich genau daran sehr deutlich machen lässt, wo die Reise hinführt, wenn sich nichts ändert. (Allerdings müsste man dazu mal ein paar Jahre zurück denken in die Zeiten, bevor die Inustrialisierung ihren Lauf nahm):

    Damals wussten die Menschen nämlich noch, wie wichtig ein schonender Umgang mit Ressourcen ist.
    Wer im Winter sein Saatgut für die nächste Ernte aufgebraucht hatte, konnte eben nicht damit rechnen, in den nächsten Jahren noch ausreichende Ertäge zu haben . Mit der Folge, dass auf Jahre hinaus die eigenen Kinder hungern mussten, weil es eben so lange dauerte, bis die Defizites eines Jahres wieder aufgeholt waren.

    Insofern lässt sich eine Grundregel von damals auch gut auf die heutige Zeit übertragen.
    „Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not“

    Das mag zwar antiquirt klingen, gilt aber auch heute noch (und besonders Angesichts immer weiter schwindeneder Ressourcen), selbst wenn sich damit auf die Schnelle keine dicken Gewinne einfahren lassen und „das Wachstum“ in der Folge nicht mehr so rasant wächst. Schon damit die uns folgenden Generationen noch einen zufriedentsellende Lebensbasis haben.
    Und wenn „die Märkte“ das nicht selbst begreifen, muss es ihnen wohl in Form von Regeln und einer auf Nchhaltigkeit zielenden Regulierung beigebracht werden…

  • Frau Momo

    Ich kann jedes Wort unterschreiben. Ein gutes Beispiel dafür, dass es eben nicht funktioniert, ist z.B. der Verkauf des Landesbetriebs Krankenhäuser an Asklepios. Die Hamburger hatten damals auch dagegen gestimmt, aber das hat Herrn von Beust einen feuchten Kehricht interessiert.
    Jetzt werden die meisten Hamburger Krankenhäuser vor allem so geführt, dass sie gewinnorientiert arbeiten. Etwas, was es meiner Meinung nach im Gesundheitwesen nicht geben sollte.

    • Christian Wöhrl

      Richtig, Gewinnorientierung hat bei der Grundversorgung nichts zu suchen. Gesundheit, Wasser, Bildung, Öffentlicher Transport, Wohnen, das sind alles Bereiche, in denen es möglich sein muss, den Grundbedarf zu decken, ohne dass dabei zu Lasten niedriger Einkommen Gewinne erzielt werden. (Und Grundbedarf meine ich im Sinne von menschenwürdig, nicht im Sinne von Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.)

      • Frau Momo

        Sehe ich genauso. Auch Altenheime sollten keine Gewinne erzielen dürfen. Das geht fast immer zu Lasten der Bewohner*innen, für die das u.U. gerade mal satt und sauber bedeutet, wenn überhaupt.

        • Christian Wöhrl

          Richtig, Pflege – auch einer der Bereiche, in denen es notorisch zu viel um Beträge und zu wenig um Werte geht. Ich bin wirklich gespannt, ob unsere Generation diesbezüglich noch mal eine Änderung zum Positiven erlebt.

          • Der Wilhelm

            Bezogen auf den Bereich Gesundheit/Pflege/Versorgung alter Menschen bin ich da mehr als skeptisch.

            Schon aus dem Grund, dass sich viele der Fehlentwicklungen im Rahmen von Privatisierungen in diesem Bereich nicht mehr zurück drehen lassen werden, es sei den durch eine Verstaatlichung,die zudem auch noch gewaltige Schadensersatzforderungen der Betreiber nach sich ziehen würde,
            Genau wie wir das gerade von Seiten der Energie-Erzeuger erleben, die sich jeden Cent entgangenen Gewinnes vergolden lassen, weil sie nun ihre (Kern-)Kraftwerke verschrotten und Tagebaue zuschütten müssen – dabei aber das Wegräumen ihres hinterlassenen (Atom)-Mülls und die Bseitigung der Umweltschäden der Allgemeinheit hinterlassen.

            Auch das eine Crux unregulierter Marktwirtschaft, die aus meiner Sicht völlig pervers ist.

            Denn im Grunde müssten die doch auch in der Haftung für ihre Hinterlassenschften stehen, nachdem sie jahrelang fette Gewinne aus Ressourcen gezogen haben, die ebenfalls der Allgemeinheit gehörten.

            • Christian Wöhrl

              Ja klar, ich bin auch skeptisch, und das nicht zu knapp. Aber wenn ich die Hoffnung ganz aufgebe, kann ich auch gleich irgendwo runterhüpfen …

              Dass diese Vergesellschaftung von Verlusten (oder auch nur „entgangenen Gewinnen“) überhaupt toleriert wird, ist meines Erachtens ohne großflächige Korruption nicht erklärbar. Sind offensichtlich genug attraktiv dotierte Grüßaugust-Posten im Angebot als Anschlussverwendung für Politiker, die in ihren jeweiligen Ämtern bei der Wahrung gesellschaftlicher Interessen gern ein Auge zugedrückt haben …

  • Gerhard

    Aber wir sind doch eingebettet in die Gesamt-Welt, was können wir als einzelne Regierung da leisten?
    Vollständiges Umdenken gab es m.E. ja höchst selten während der „Karriere Mensch“-Zeit. Wenn überhaupt, gab es – nachzeichenbare – Entwicklungen über Jahrhunderte hinweg.

    • Christian Wöhrl

      Als einzelne Regierung, als einzelne Gesellschaft, kann man immerhin ein Beispiel geben. Mir scheint, dass Deutschland international immer noch etwas stärker beachtet wird, als es seinem Anteil an der Weltbevölkerung entspricht, und im Moment geben wir auf ziemlich vielen Feldern ein eher schlechtes Beispiel ab mit unserer pathologischen Fixierung auf Wachstum und Wohlstand, also genau die wesentlichen Treiber der Klimakrise.

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